Ein absolutes Muss in den Dolomiten - Die grosse Sella-Runde und Drei Zinnen
Frühstück Rafreiderhof
Ausgeschlafen, nach einem guten Frühstück und bei bestem Wetter konnten wir es nicht erwarten, zu unserer ersten Tour aufzubrechen.
Geplant war die grosse Sellarunde mit den 3 Zinnen.
Aber da war ja noch die Auffahrt vom Rafreiderhof.
Diese wird ALFRED niemals nie nicht vergessen da sie IHM endgültig zu seinem Pseudonym "Purzel" verholfen hat.
Zugegeben, diese Auffahrt hatte, jedenfalls damals, so ihre Tücken, denn der Weg bot auf ca. 50 Metern alles was sich eigentlich ein Endurofahrer wünscht: steil, schmal, 180°Steilkurven, ausgewaschner Teerbelag mit tiefen Löchern, hinterhältigerweise mit Kies aufgefüllt.
Nachdem wir allesamt mit unseren vollbeladenen Böcken am Anreisetag schon unsere liebe Not hatten wurde am Frühstückstisch noch darüber gefrozzelt. Allgemein wurde das Motto ausgegeben: UFFPASSE !!!!!!
Jedenfalls fuhr Alfred mit abstehenden Haaren und unter fürchterlichen Schimpftiraden gaaaanz langsam den "Hauspass" bis zur "Hondakehre" hinunter. Dort kam er dann, etwas rutschend, von der Ideallinie ab und musste notgedrungen auf einem dieser hinterhältigen Kiesfelder stehenbleiben.
Alfreds zu kurze Beine, eigentlich stand er nur noch auf den Zehenspitzen, fingen auf dem Sch...kies zu rutschen an. Verzweifelt versuchte er Halt zu finden und geriet mit der Honda immer mehr in Schräglage. Erst langsam, dann immer schneller und plötzlich lag er mit dem Mopped im Dreck. Seitdem heißt er halt "Purzel".
Passiert war dem Alferd nix und die Honda hatte nur ein paar leichte Kratzer. Der Rest unserer Truppe kam dann, gewarnt durch unseren Abfahrtskünstler, den Hauspass sicher hinunter so dass wir doch noch die Sellarunde starten konnten.
Sellagruppe
Unser Weg führte uns bei idealem Motorradwetter von St.Peter auf der S242 nach Ortisei, einem der bekanntesten Dörfer im Grödnertal. Übrigens auch der Geburtsort von "Luis Trenker". Weiter gehts über Wolkenstein zum Sellajoch hinauf. Auf der Passhöhe machen wir erstmal Pause und genissen den Wahnsinnsblick auf die gesamte Sella-Gruppe und den von hier sichtbaren und zum greifen nahen schneeweißen Gletscher der Marmolada.
Motorräder starten und weiter Richtung Canazei. Die Srecke führt an der Flanke der Sella hinunter ins Tal. Eine Tornante jagt die andere. Ein Genuss.
Auf halber Strecke biegen wir zum Passo di Pordoi ab. DEN müsst ihr unbedingt fahren, so hies es schon zuhause. Was uns dann erwartete übertraf unsere Erwartungen um Längen.
Pordoi - Blick nach Arabba
Schon die Auffahrt zur Passhöhe ist ein Gedicht. Die volle Dröhnung an Kurven. Das Teerband ist in einem Top zustand, breit und weit einsichtbar. In den zahlreichen 180° Tornanti sind die Kehren ausserdem idealerweisse aussen überhöht angelegt. Jetzt packt uns zusehends der Übermut und wir wollen sehen was geht. Immer schneller werdend sausen wir durch die Kurven. Meinem Hildchen ist das gaaaaar nicht recht und sie fängt an meine Rippen aufs heftigste zu bearbeiten da ich auf IHRE Zurufe nicht reagiere. Soll wohl heissen: Willst Duuuu jetzt langsamer tun.
Bei den Kollegen sieht es nicht anders aus. Ich denke mir insgeheim: nur fliegen ist schöner.
Auf der Passhöhe angekommen beäugen wir mit VORFREUDE die vor uns liegenden Serpentinen die hinunter nach Arabba führen.
Unseren Frauen nicht so?????
Also beschliessen Purzel und Bernie- selbstlos wie sie nunmal sind- ihren besseren Hälften eine Pause zu gönnen. Die Blicke der beiden schweifen den Berg hinunter, kein Verkehr weit und breit zu sehen und ein fast schon diabolisches Grinsen ist bei beiden zu sehen.Will heissen: WIR machen keine Pause. Kurz darauf brummen die Doppel-X und die XJR den Pordoi nach Aarabba hinunter. Jürgen filmt die wilde Kurvenhatz.
Circa eine Viertelstunde später sind die beiden wieder da. Die Helme werden mit zittrigen Händen abgenommen. Zum Vorschein kommen tiefrote Bäckelchen und triefnass glänzende Äuglein. Wildes Geplapper der beiden zerreist die Stille auf dm Parkplatz: in der Kurve...boah..in der nächsten..booooaaaah...Hinterrad weg...ohaahaah....gerutscht- hoppala......Stoppi dort...usw.....
Bernie stammelte und brummelte:
Buggel nuff un nabb fahrn ( translated: den Pordoi hinauf und runterfahren ) Was sagt uns das? der Pordoi ist einfach G..l !!!
Passo i Falzarego
Als die Jungs sich wieder beruhigt haben, fahren wie alle zusammen den Pordoi nach Arabba hinunter und weiter zum Passo di Falzarego. Steil an die Berghänge geschmiegt, mit atemberaubendem Blick ins tief unter uns liegende Val de Cordevole, führt uns die SS48 dem Falzarego entgegen. Hilde "interessiert" sich auf einmal sehr auffallend für die Fauna und Flora der bergseitigen Wiesen. Hinweise meinerseits auf die schöne Aussicht hinunter ins Val de Cordevole ignoriert SIE mit energischem Kopfschütteln. in dem Moment bin ich mir sicher, dass gerade der Blick ins tiefe Tal IHR eine ausgeprägte Gänsehaut beschert. Ein paar Meter Strasse weiter biegen wir zur Auffahrt Passo di Falzarego ab.
Jetzt nimmt auch stetig der Verkehr auf dieser "Rennstrecke" zu. Immer mehr Gruppen von "Heizern" bollern an uns vorbei. Stört uns nicht weiter. Bei Kaiserwetter geniessen wir die sehr gut ausgebaute Strasse. Nach jeder der zahlreichen, weit geschwungenen Tornanti, zeigen sich die schroffen Dolomitengipfel aus einem anderen Blickwinkel.
Kanone am Falzarego
Am Pass angekommen ist erstmal die obligatorische Cappucino - Pause angesagt. Neugierig interessieren wir uns anschliessend für das überall herumstehende Kriegsgerät.
Eine Informationstafel an der Gipfelseilbahn lässt auf eindrucksvolle Art erahnen, was sich hier im ersten Weltkrieg abspielte.
Hier wird klar, wie hasserfüllt und wahnsinnig Menschen gegeneinander sein können.
Da unser Wissensdurst gestillt ist, der Cappucino ist auch alle, wenden wir uns wieder erfreulicheren Dingen zu. Mittlerweile ist hier auch richtig der Teufel los und so sehen wir zu, dass wir aufsitzen und Land gewinnen.
am Passo di Falzarego
Cortina de Ampezzo
Der Weg führt uns das letzte Stück durch das malerische Val de Dores nach Cortina de Ampezzo hinunter. Die "Königin" der Dolomiten, wie Cortina auch genannt wird, erwartet uns mit einem traumhaften Panorama. Rundherum zeigen sich die schroffen Felsnadel der Marmarole, hinter uns die der Tofana.
Durch Cortina geht es ohne Aufenthalt durch, denn hier boxt der Papst. Will heissen > absolutes Getümmel. Nix wie weg hier.
Kurz hinter Cortina wird es wieder ruhiger und zu unserer Begeisterung geht die Kurvenhatz am Passo de Croci wieder los.Durch den Zedernwald sieht man schon ab und zu die Gipfel der drei Zinnen. Wir biegen Richtung Misurina ab, noch ein kurzes Stück durch den Wald, dann liegt auch schon der Lago di Misurina vor uns.
Irgendwie liegt auf einmal ein seltsames Knurren in der Luft. Unser aller Magen schreit mächtig nach NAHRUNG.
Wie heisst es so schön: Ohne Verpflegung keine Bewegung.
Lago di Misurina
Bei Würstel und Panini stärken wir uns und verarbeiten die zurückliegenden Eindrücke. Malerisch spiegeln sich die 3 Zinnen im glasklaren und grünlich schimmerden Wasser des Bergsees. Da wir über die mautpflichtige Strasse zum Rifugio de Auronzo (Berghütte direkt unterhalb der Zinnengipfel ) wollen und es auch hier zunehmend voll wird, sehen wir zu dass wir die Kurve kratzen. Kurz nach dem See biegen wir nach rechts in den Naturpark der Sextener Dolomiten ab.
An der Mautstelle liefert jeder umgerechnet 10 DM ab. Für gerade mal 5 Kilometer Strasse ganz schön happig aber als wir dann die Strasse befahren interessiert uns das Geld keine Spur mehr. Diese Strecke ist jede Mark wert und die Ausblicke auf die 3 Zinnen und den Monte Cristallo werden nach jeder Kurve immer gigantischer.
Oben am Rifugio Auronzo angekommen, stehen wir gerade mal ein paar Meter unter den Gipfeln der 3 Zinnen und geniessen beinahe schon andächtig einen der schönsten Rundblicke auf die steil in den blauen Himmel ragenden, wild zerklüfteten Felstürme der Dolomiten.
Was wir vor uns sehen, ist landschaftlich wahrscheinlich in den ganzen Dolomiten nur sehr schwer zu toppen.
Auch hier erkennt man bei genauem hinsehen, dass die umliegenden Gipfel eine erhebliche Rolle im ersten Weltkrieg gespielt haben. Überall in den Bergflanken sind Geschützstellungen, Schiesscharten und in den Fels gegrabene Stollen zu erkennen.Da ein solcher Stollen direkt über uns am Felshang der 3 Zinnen zu erkennen ist, überlegen einige von uns da hinauf zu klettern. Nach längerem überlegen und zögern, der Hang ist nicht gerade der flachste, entschliessen sich Bernie, Purzel, Jutta, Jürgen und zum erstauner aller auch Hilde, die bei solchen Aktionen normalerweise sehr "zurückhaltend" ist, den Versuch zu wagen. Über eine Geröllhalde, steiler wie gedacht, kraxeln wir nach oben. Einige Raucherlungen sind kurz vorm platzen als wir endlich am Stolleneingang ankommen. Wir gehen rein, nach ein paar Metern sehen wir überall Gucklöcher im Fels, die vom Parkplatz aus nicht zu erkennen waren und uns heute die schönsten Ausblicke offenbaren. Das Wagniss mit der Kletterei im legerem Motorraddress hatte sich also gelohnt.
Aber einem Aufstieg folgt bekanntlicherweise und unabwendbar auch ein Abstieg.
Jedenfalls standen Jutta und Hilde vorm Stolleneingang und beim hinabsehen war der Geröllhang auf einmal verflucht steil. Auf allen vieren und unter "spitzen" Kommentaren gelang aber beiden Bergziegen der Abstieg.
Siehe die kleine nachfolgende Bildergalerie. Zum vergrößern einfach die Bilder anklicken.
In der Erkenntniss, dass ein Tag halt nur 24 Stunden hat, uns also die Zeit für die Rückfahrt dann doch schon knapp und es somit keinen Sinn machte noch weiter in die Dolomiten hinein zu fahren, entschlossen wir uns nach einer Verschnaufpause, zurück bis Arabba die selbe Strecke zu nehmen.
Corvara - links das Grödnerjoch
In Arabba sind wir dann rechts zum Passo di Campolongo abgebogen. Eine wunderrbare Strecke, die mit schnellen kurvigen Passagen, dann wieder mit weiten Schwüngen über eine Hochebene hinunter nach Corvara in Badia führt. Das letzte Stück kurz vor Corvara, so circa einen Kilometer, war dann allerdings in einem brutalem Zustand. Die Asphaltdecke meterlang aufgerissen, mit tiefen Schlaglöchern übersäht und dermassen holprig. Kurz und gut eine Stoßdämpfer - Teststrecke "allerbester" Güte.
Grödner Joch
In der Ortsmitte von Corvara sind wir dem Hinweisschild zum "Passo di Gardena", besser als Grödner Joch bekannt, gefolgt. Da es mittlerweile schon sehr später Nachmittag war, das wohl letzte Highlight dieses Tages. Also ging es jetzt, ohne weiteren Aufenthalt, durch das malerische Tal der Corvara. Nun sahen wir auch bereits das von der Abendsonne angeleuchtete rückseitige Felsmassiv der Sella - Gruppe und die sich in vielen, wirklich vielen Windungen hinaufwindende Teerschlange, die auf das Grödner Joch hinaufführte.
Jetzt galt es nochmal. Innerlich wusste jeder, dies war am heutigen Tag die letzte Möglichkeit auf Kurvenhatz oder besser gesagt die "Kuh fliegen zu lassen"!
Eine geniale Fahrt bis zur Passhöhe war die Folge. Adrenalin pur für die Fahrer. Im Ohr einige mehr oder weniger verständliche, leicht aggressiv klingende "Wortfetzen" unserer Sozias, die mittlerweile auf dem Mopped eine unnatürliche, verkrampfte Gesamthaltung eingenommen hatten.
Bei Nachbetrachtung kann man das irgendwie auch nachvollziehen. Ich für meinen Fall möchte auch nicht vollständig wehrlos dem Vordermann ausgeliefert sein. Auf gar keinen Fall auf einem Motorrad.
Auf der Passhöhe angekommen war die letzte Verschnaufpause angesagt.
Nochmals geniessend den Blick über diese wahrlich geniale Landschaft schweifen lassen und dann, LEIDER, das letzte Stück zurück Richtung Pension in Angriff nehmen.
bei Familie Rainer - Rafreiderhof
Langsam stellte sich auch eine gewisse Müdigkeit ein. Dies verwunderte nach knapp 8 Stunden und ca. 260 Km Dolomitenfahrt, gespickt mit unzähligen Kurven und Tornantis auch keinen von uns.
Da tagsüber nur "bleifreie" Sachen auf der Getränkeliste standen wurde der Brand auf ein kühles Bier ( oder mehrere ) auch immer größer. Wir mussten natüüüürlich auch dem gesundheitlichen Aspekt Rechnung tragen.
DEHYDRIERUNG tut einem ausgemergeltem Körper nicht gut.
Am Rafreiderhof angekommen hiess es dann in Konsequenz, schnellstens absatteln, duschen und sich dann auf der Veranda treffen.
Wir haben dann kurz ein paar Bierchen eingeschossen. Vor dem Essen sollte man das nicht unbedingt tun da dann der Alkohol verhältnissmässig schnell auch ins Hirn einschiesst. Führte dann wie in unserem Fall zu erhöhter "Heiterkeit". Unseren Gastleuten die sich zu uns setzten konnten wir aber noch einigermassen erzählen wo wir uns den ganzen Tag herum getrieben hatten
Dosenhalter am Lenker von Berni's XJR
Die kurz zuvor verspürte, bleierne Müdigkeit verschwand bei Purzel und Jürgen sehr schnell. Da wurde doch schon wieder, der Bierlaune Rechnung tragend, UNFUG ausgeheckt. Kurz überlegt - und schon wurde bei Bernhards XJR in Gedenken an die "Werner-Comics" ein modifizierter Bierdosenhalter am Lenker angebracht. Mal sehen was Berni am nächsten Tag dazu sagt?
Nach dieser Aktion war das grummeln in der Magengegend aber nicht mehr zu überhören und so sind wir dann wie vom Teufel gehetzt, zum "Überbacher", einem Berggasthof aufgebrochen. Da war nun schlemmen und trinken angesagt bis es an den Hüften krachte. Nach einem solch erlebnissreichem Tag tat das soooooo guuuut.
Bei den folgenden Tischgesprächen kamen wir zu dem Ergebniss, dass wir hier, in den wunderschönen Dolomiten, nicht zum letzten Mal waren.
P.S.
Seitdem waren wir des öfteren in den Dolos wie auf den folgenden Reiseberichten zu lesen und zu sehen sein wird.
Bei den angesprochenen folgenden Berichten wird aber unser Erinnerungsvermögen stark gefordert sein da einige Touren sehr lange zurückliegen und wir damals noch keine Roadbooks geschrieben haben.
Also habt bitte Geduld mit uns.
